FAZ 11.05.2026
08:42 Uhr

Toleranz im Verkehr: Ein bisschen mehr Gelassenheit, bitte!


Im Straßenverkehr sollte es nicht immer darum gehen, das eigene Recht durchzusetzen, sondern auch darum, großzügig über die Fehler anderer hinwegzusehen. Das kann Leben retten – und schult die Toleranz.

Toleranz im Verkehr: Ein bisschen mehr Gelassenheit, bitte!

Die Radfahrerin, die mit ihrem Kind im Kindersitz einem rechtsabbiegenden Autofahrer den Vortritt gelassen hatte, ist irritiert. Sie wollte vermeiden, übersehen zu werden, und ist deshalb auf den Bürgersteig ausgewichen. Den aufmerksamen Autofahrer hat das frustriert. „Fahr doch, du ...!“ Dabei hatte sie einfach nicht von ihrem Recht Gebrauch gemacht, geradeaus zu fahren. Zu oft schon kam es zu heiklen Situationen an genau dieser Stelle. Diese Entscheidung hat ihr den Stinkefinger eingebracht. Ein Einzelfall ist ein solcher Wutausbruch nicht. Der Straßenverkehr ist eines der komplexesten sozialen Experimente der Gesellschaft. Tausende von Menschen nehmen daran teil. Sie alle sind unterschiedlich erfahren, unterschiedlich ausgeruht, unterschiedlich aufmerksam – und sie alle sind der stillen Überzeugung, immer im Recht zu sein. Im Recht sein kann trotzdem das Leben kosten Natürlich gibt es ein Regelwerk, das helfen soll, sich unfallfrei durch den Verkehr zu bewegen. Aber Fehler wird es immer geben, solange es Menschen sind, die manchmal im Bruchteil einer Sekunde eine Entscheidung treffen müssen. Wie umgehen mit einem Stinkefinger? Mit den Schimpfwörtern? Mit der entladenen Aggression? Die Haltung, dass im Straßenverkehr gegenseitige Rücksichtnahme keine Schwäche ist, sondern Vernunft, kann helfen. Wer physisch mehr zu verlieren hat – etwa als Fußgänger, Radfahrer oder Motorradfahrer – trägt eine besondere Verantwortung. In erster Linie für das eigene Leben. Es gilt, aufmerksamer zu sein, bedachter, manchmal lieber einen Moment zu warten, auch wenn man es nicht müsste. Nicht weil die Regeln es verlangen. Sondern weil es klug ist. Das sommerliche Wetter wird in den nächsten Wochen dazu führen, dass noch mehr Menschen als üblich an dem Experiment Straßenverkehr teilnehmen. Mehr Motorradfahrer, mehr Radfahrer, mehr E-Scooter-Fahrer. Nicht alle, die aufbrechen, tun es mit der gebotenen Sorgfalt. Manche werden zu schnell unterwegs sein, das eigene Können überschätzen, sich an roten Ampeln rechts an wartenden Autos vorbeischieben oder den Abstand zu anderen Verkehrsteilnehmern ignorieren. Das alles hat wenig mit Rücksicht zu tun – weder auf das eigene Leben noch auf das der anderen. Und, ja, man darf sich darüber wundern. Man darf sich sogar aufregen – aber bitte, ohne ausfallend zu werden. Und man muss nicht immer um jeden Preis sein Recht durchsetzen. Denn am Ende gilt im Straßenverkehr eine Regel: Recht zu haben, ist nett, aber eine Lebensversicherung ist es nicht. Wer recht hat, bekommt keine Urkunde – und wer im Unrecht ist, zahlt nicht immer den Preis. Das Experiment Straßenverkehr verlangt manchmal etwas, das viele verlernt haben: Toleranz – und zwar von allen.